Erfahrungsbericht von Henrike Bernhardt (2008/2009)

 

Liebe Steuben-Gesellschaft Magdeburg,

es ist jetzt 7:30 a.m. und ich habe mich endgültig dazu überwinden können mal etwas von mir hoeren zu lassen. Die ersten grossen Unterschiede zwischen USA und Deutschland werden schon beim Blick auf die Uhr sichtbar. In Deutschland wuerde ich mich schon in der Schule quaelen, hier beginnt sie erst 8:20 a.m.. Wie es dann weitergeht? Die meiste Zeit meines Tages verbringe ich in der Schule, der A & M Consolidated High School in College Station, Texas. Mein erster Schultag war überwältigend, 2700 Schüler waren doch weitaus mehr Menschenmassen als ich mir das vorgestellt habe. Und mir ist bewusst geworden, wie familiaer mein deutsches 500-Mann-Gymnasium ist. Hinzu kommt, dass man sich hier regelmaessig verirren kann. Dafuer ist die Faecher- und Clubauswahl umso groesser. Mein Stundenplan setzt sich zusammen aus zwei Fremdsprachen: Franzoesisch I und Spanisch IIIPre-AP, sowie AB Calculus AP, Englisch IVHonors, Theater, Wirtschaft/Politik Honors und Biologie Pre-AP. Die Amerikaner halten mich uebrigens fuer verrueckt, Wortlaut: „You’re crazy. How can you learn two foreign languages? I already have problems with one“.

Nach der Schule beteilige ich mich dann an verschiedenen Clubs, darunter Interfaith Club, einer Diskussionsgruppe ueber religioese Fragestellungen, Key Club, ist was man Community Service versteht, French Symposium, eine Vorbereitungsgruppe fuer texasweiten Franzoesisch Wettbewerb, und Environmental Club, was die meiste Zeit in Anspruch nimmt. Neben recyclen und verschiedenen Treffen und einem texasweiten Jugendkongress an dem ich teilgenommen habe, plane ich zurzeit als Head des Event Committees gerade einen Informationstag fuer Middle School Schueler. Ausserdem bin ich an der naechsten Theaterproduktion unserer Schule beteiligt. Wie man sieht bin ich hier rundum beschaeftigt!

Wenn ich dann etwa 5:00 p.m. nach Hause komme, muss ich mich dann an Hausaufgaben setzen, die hier in den USA wirkliche Unmengen taeglich sind. Dann  und wann unternehme ich aber natuerlich auch was mit neugewonnenen Freunden oder meiner Gastfamilie. Die besteht aus meiner 27jaehrigen Gast“mutter“, meinen Gastgeschwistern: Katelyn (8) und Timothy (4) und meinen Gastvater, der zurzeit als Soldat im Irak ist. Ja, kleine Kinder sind anstrengend und in meinem neuen zu Hause kehrt nie Ruhe ein, aber da ich auch in Deutschland eine kleine Schwester habe, bin ich vieles gewohnt... Weiterhin ist meine Gastfamilie Mitglied der LDS Kirche, also Mormonen. Es ist sehr interessant die Ideen der Kirche besser kennen zu lernen (auch wenn ich nicht immer ganz einverstanden bin), weil sie mit einer voellig anderen Sichtweise als die protestantische oder katholische Kirche gleiche Fragestellungen beleuchtet.

Einige Erlebnisse moechte ich auch noch in Kuerze mit euch teilen:

Ike – da Katherina schon einen sehr interessanten und erlebnissreichen Bericht zu „unserem“ Hurrikan beigetragen hat, kann ich euch nur versichern, dass sich bis auf 3 Stunden Stromausfall nichts Weiteres zugetragen hat. Ausserdem habe ich einen Tag schulfrei bekommen, da die Räumlichkeiten als Evakuierten-Unterkunft benutzt wurden.

Ein College Football Game – ist schon recht spaektakulaer, vor allem in einem Stadium wie das der Aggies. Trotzdem werde ich aus dem Sport nicht schlau und bevorzuge mit meinem Freunden eher ein Basketball- oder ein Fussballspiel zu besuchen.

DIE Wahl – ich habe mich hierbei defenitiv nicht festgelegt. Und den Amerikanern lieber die Qual der Wahl (im woertlichen Sinne) ueberlassen. Trotzdem habe ich mit Spannung gerade an meiner Schule das „heisseste Thema“ der letzten Wochen verfolgt. Jede und wirklich jede Diskussion an meinem „Lunch“tisch in der Woche vor der Wahl, hat sich nur um dieses eine Thema gedreht. Meinungen zu Kanidaten waren schon fest gebildet, jedoch wurden Einstellungen zu verschiedenen Themen und die Ansichten McCain’s und Obama’s gerne bis ins kleinste Detail diskutiert. Weiterhin gab es eine Unmenge an Schulveranstaltungen, von denen ich mir einige nicht entgehen gelassen habe, so gab es neben Informationspraesentationen, eine von den beiden Clubs „Young Democrats“ und „Young Republicans“ gefuehrte Debatte und eine „Schulwahl“, bei der Obama aeusserst knapp gewonnen hat. Am Wahlabend selbst, sass ich mehrere Stunden lang vor dem Fernseher, um live Ergebnisse zu verfolgen. Auch wenn sie die Mehrheit meiner Freunde hier enttaeuschten, war ich am Ende dann doch ein bisschen Stolz auf die Amerikaner, ganz einfach weil nun wirklich ein Schwarzer der wohl wichtigste Mann dieser Erde sein wird – ein historischer Moment, den ich da erlebt habe. Um das zu begreifen hat es dann jedoch noch ein paar weitere Wochen benoetigt.

Pakete aus Deutschland – sind hier immer ein ganz besonderes Ereignis, weil ich dann immer etwas Schokolade mit in die Schule nehme. Seit dem werde ich wieder und wieder gefragt, ob denn nun endlich ein neues Paket angekommen ist. Wie auch immer, meinem Vater erschien die Schokolade anscheinend nicht so wichtig, so dass ich von ihm eher kulturell ausgestattet wurde: mit deutscher Musik (die Prinzen und WiseGuys), einem 3D-Puzzle des Reichtags und zu guter letzt 5 Ausgaben des Spiegels, welche mir nochmals sehr beim rekapitulieren des Wahlkampfes und -ausgangs aus europaeischer Sicht geholfen hat. Ich bin und bleibe halt doch ganz und gar deutsch (oder europaeisch?).

Thanksgiving - habe ich in Phoenix, Arizona verbracht. Ein recht merkwuerdiges Erlebnis, da ich in meinem gesamten Leben noch nie Wueste gesehen habe. Die riesigen Kakteen erscheinen mir heute noch wie von einem anderen Planeten. Ich habe meine Zeit inklusive Truthahn Dinner sehr genossen.

Bald ist Weihnachten! Wir werden Verwandtschaft meiner Gastfamilie in Washington D.C. besuchen. Und auch wenn ich meine leibliche Familie genau jetzt umso mehr vermisse, moechte ich all die Erfahrungen und Erlebnisse von meiner Zeit hier nicht missen. Noch einmals vielen Dank fuer die Ermoeglichung dieses einmalige Erlebnis. Ansonsten Frohe Weihnachten und einen Guten Rutsch, sowie viel Spass bei der Auswahl der neuen Stipendiaten.

Liebe Gruesse aus Texas, Henrike

 

PS: Ach ja, man mag es kaum glauben, aber es hat tatsaechlich geschneit in Texas!!!

Bild 1